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Gottesdienst am Pfingstsonntag, 23. Mai 2021, 17:00 Uhr

Pastor Renke Brahms, Direktor der Evangelischen Wittenbergstiftung

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Als Predigttext hören wir unmittelbar nach der Pfingstgeschichte jetzt die Erzählung vom Turmbau zu Babel aus dem 1. Buch Mose, dem 11. Kapitel:

Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde.

Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.

Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!

So zerstreute sie der Herr von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde.

Eigentlich haben wir doch die Texte in verkehrter Reihenfolge gelesen und gehört. Müsste nicht zuerst die Erzählung vom Turmbau und der Sprachverwirrung kommen und dann als hoffnungsvolle Gegengeschichte die Erzählung von Pfingsten und die Erfahrung, dass Menschen sich verstehen – trotz unterschiedlicher Sprachen?

Oder ist die Reihenfolge doch ganz richtig, weil wir die Erfahrung machen, dass wir immer wieder in die Verwirrung und Irrung zurückfallen? Ist es nicht so, dass diese Erzählung vom Anfang der Bibel etwas erzählt, was immer wieder geschieht? Sie spiegelt doch offensichtlich Menschheitserfahrung von Sehnsucht nach Einheit, von Hybris und Übermut, Größenwahn und tiefem Fall in eine zerstörerische Verwirrung. Sie spiegelt die Erfahrung, dass wir aneinander vorbeireden, obwohl wir eine Sprache sprechen.

Oder ist es vielleicht so, dass wir eigentlich zwischen den Erzählungen und Erfahrungen leben? Mal machen wir die eine Erfahrung größter Verwirrung und verstehen uns nicht. Und manchmal machen wir die beglückende Erfahrung, dass wir uns gut verstehen, obwohl wir unterschiedliche Sprachen sprechen. Und meistens, liebe Gemeinde, geschieht auch noch alles gleichzeitig – was uns nicht weniger verwirrt.

Schauen wir hinein in die beiden Erzählungen und auf die beiden Erfahrungen.

Eine Stadt wird da gebaut in dieser alten Erzählung. Und ein Turm. Und die Stadt wird Babel genannt. Das ist ein Schlüssel zum Verständnis, erinnert es doch das Volk Israel an die Zeit der babylonischen Herrschaft, die Völker und Länder eroberte, unterdrückte und mit Gewalt überzog. Dieses Reich machte sich tatsächlich einen Namen, der mit dem Herrscher Nebukadnezar II den Klang der Gewaltherrschaft hatte.

Und so erinnert die Erzählung gleichzeitig an alle Großmachtsträume aller Zeiten, wie sie auch gehießen haben mögen: Ob Rom oder römisches Reich deutscher Nation, ob das 1000jährige Reich des Nationalsozialismus, ob Kommunismus oder Kapitalismus, ob USA, Russland oder China. Noch hat keines der Reiche oder Ideologien hat dauerhaft die Geschichte überdauert. Alle sind in ihre Schranken gewiesen worden und sind an ihre Grenzen gestoßen. Keines hat den Himmel je erreicht – auch wenn ein Gott geleugnet wurde.

Aber grausame Auswirkungen gab es immer – bis heute. Länder, Menschen oder die Schöpfung werden unterdrückt und ausgebeutet. Es ist eine blutige Spur, die der Machtanspruch zurücklässt, wenn er nicht in die Schranken gewiesen wird – bis hinein in die Ausbeutung der billigen Arbeitskräfte in Afrika und Asien oder den Raubbau an Bodenschätzen in den ärmsten Ländern dieser Erde.

Da erscheint es fast als Trost für die Menschen, dass sich der große Traum der Einheitssprache und der einen Großmacht, die alles beherrscht, nicht erfüllt hat – sonst wäre es wohlmöglich noch schlimmer!

Und so wird Gottes Handeln in der alten Erzählung weniger zur Strafe als viel mehr zum Schutz vor noch größerer Alleinherrschaft.

Was uns so oft Mühe macht, wenn wir die anderen wegen ihrer anderen Sprache nicht verstehen, könnte uns bescheidener machen. Was uns Mühe macht, wenn wir uns selbst bei gleicher Sprache nur mühsam mit unseren verschiedenen Meinungen und Lebensweisen verständigen müssen, könnte uns doch dazu bringen, sie zu akzeptieren und uns davor schützen, anderen unsere Meinungen aufzudrücken. Das scheint doch unsere Herausforderung auch ganz persönlich zu sein: in unseren Ehen und Beziehungen, in den Familien, zwischen den Generationen, in der Politik oder im Zusammenleben mit uns fremden Menschen.

Das, liebe Gemeinde, bringt uns zurück zur Pfingsterzählung – oder nach vorne!

Denn da wird nicht vom Geist der Selbstüberschätzung, des Größenwahns oder der Verwirrung erzählt. Auch nicht von einem Geist, der sich über andere erhebt oder abgrenzt, sondern von der beglückenden Erfahrung eines Geistes, der Menschen dazu bewegt, aufeinander zuzugehen, sich zu verstehen und zu verständigen.

Und die Pointe der Geschichte ist, dass die Sprachenvielfalt nicht etwa aufgehoben wird und es zur Einheitssprache kommt. Vielmehr verstehen sich die Menschen aus allen Ländern und Kulturen in ihren jeweiligen Sprachen. Ist das nicht der eigentliche Menschheitsraum?

Und es ist doch eine wirklich beglückende Erfahrung, wenn dies gelingt! Es geschieht ganz praktisch dort, wo Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Sprachen sich begegnen – aus der weltweiten Ökumene.

Und wie gerne hätten wir es auch heute am Pfingstfest wieder erfahren, wenn Mitglieder der Internationalen Schlosskirchengemeinschaft uns besucht hätten: aus Dänemark, aus den USA, aus Tansania und Kenia vielleicht, aus Schweden, Finnland, Polen, Spanien, Frankreich, Island oder Ungarn. Was wäre das für ein schönes Sprachengewirr und wie schön wäre es, wir würden bei aller Unterschiedlichkeit doch die Verbindung im Glauben spüren können. Es wird Zeit, dass das wieder möglich wird – und nicht nur digital.

Und wie gut ist es doch, wenn wir daraus die Hoffnung schöpfen, dass eine Verständigung auf vielen Ebenen unseres Zusammenlebens möglich ist: persönlich, gesellschaftlich, politisch. Und auch da machen wir ja diese Erfahrung: wenn Ehepaare aneinander wachsen, wenn Generationen sich verstehen und einander helfen, wenn Menschen gemeinsam aufstehen gegen menschenverachtende Meinungen und Aktionen, wenn trotz unterschiedlicher Meinungen Politik gemeinsam handelt zum Schutz der ihnen anvertrauten Menschen.

Wir leben als Christenmenschen mit dem Rückenwind des Heiligen Geistes, der uns hoffentlich bewegt, diesen Geist auch weiter wehen zu lassen und der uns anfeuert, das Gesicht dieser Welt zum Guten zu verändern.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

 

  

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